Insel des Todes

Insel des Todes

Gruinard IslandBiologische Waffen sind an sich keine Erfindung des 20. Jahrhunderts, sondern werden seit Jahrtausenden angewandt. Aber erst im 20. Jahrhundert, dass durch zwei Weltkriege geprägt wurde, sollte die Forschung an Biowaffen eine neue Dimension erreichen. Sind Biowaffen doch recht einfach herzustellen, ist jedoch der kontrollierte Einsatz ein gewichtiges Problem, ohne die eigenen Truppen zu gefährden. Auf der Suche nach immer wirkungsvolleren Biowaffen wurden global unzählige Versuche mit möglichen Erregern durchgeführt, die in der Regel auf hochinfektiösen Viren und Bakterien basieren. Einer der verheerendsten Versuche fand während des Zweiten Weltkriegs auf der kleinen schottischen Insel Gruinard statt, die noch Jahrzehnte nach Abschluss der Versuche die Insel in einen Ort des Todes für Mensch und Tier verwandelte.

Ein einfach zu produzierender und effektiv einsetzbarer Erreger ist Milzbrand, der durch das Bakterium Bacillus anthracis hervorgerufen wird und tödlich verläuft. Der Erreger kann in sumpfigen Böden viele Jahre überleben und besitzt eine hohe Resistenz gegen Wärme, Kälte, Trockenheit und selbst Desinfektionsmitteln. Durch diesen Erreger sind im besonderen Weidetiere wie Rinder und Schafe gefährdet, die auf verseuchten Böden grasen. Die Krankheit befällt nicht nur Tiere in Form des Magen-Darm-Milzbrand, sondern auch den Menschen, bei dem diese Erkrankung oftmals tödlich verläuft.

Aufgrund seiner hohen Virulenz und der Möglichkeit einer leichten Verbreitung, wurde der Milzbranderreger im Zweiten Weltkrieg von den Briten auf seine Nutzbarkeit als Kampfstoff überprüft. 1941 ordnete die britische Regierung die Evakuierung der Insel Gruinard an, die sich fünf Kilometer vor der schottischen Küste befindet. Auf der Insel sollten geheime Versuche mit Milzbrandsporen durchgeführt werden. Schafe wurden hierbei dem Erreger ausgesetzt, ihr Tod genau dokumentiert. Anschließend vernichteten die Wissenschaftler die infektiösen Kadaver, um das Auftreten einer Epidemie zu verhindern.

Ihre Bemühungen der Eindämmung blieben jedoch ohne Erfolg, denn 1943, dem Jahr, in dem die Versuche beendet wurden, brach auf dem schottischen Festland eine Milzbrandepidemie aus. Man vermutete, dass die Sporen durch den Wind oder über das Meer von der Insel zur Küste getragen worden waren. Aus Sicherheitsgründen wurde der Ausbruch dieser Epidemie vor der Öffentlichkeit geheim gehalten. So schnell wie möglich und in aller Stille kehrten die Wissenschaftler auf die Insel Gruinard zurück und setzten die Heide in Brand, in der Hoffnung, die Milzbranderreger endgültig zu vernichten. Doch anschließende Analysen zeigten, dass die langlebigen Sporen in den Boden eingesickert waren, wo diese weiter existierten. Daraufhin wurde die Insel zum Sperrgebiet erklärt.

Bei den Einheimischen erhielt sie den Namen Milzbrandinsel und keiner wollte einen Fuß auf diese Insel setzen. Alle paar Jahre kamen Wissenschaftler unter größten Sicherheitsmaßnahmen nach Gruinard zurück, um Bodenproben zu entnehmen und zu analysieren. Noch in den 1970er Jahren entdeckten sie auf einer Fläche von mehr als einem Hektar zahlreiche Erreger im Boden. Die Entseuchungsmaßnahmen wurden folglich fortgesetzt.

1987 brachte man erstmals wieder Tiere auf die Insel zurück. Da sie nicht erkrankten, wurde das Gebiet im folgenden Jahr – 45 Jahre nach dem folgenschweren Versuch – wieder zur Besiedlung freigegeben.

 

 

Siehe auch:
ParaMagazin – Ausgabe 1
Das Schweinegrippe-Komplott

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