Kryptozoologie

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Was ist Kryptozoologie?

Bevor wir uns mit der vollen kryptozoologischen Thematik und den kryptozoologischen Forschungsansätzen befassen, werden wir uns erst einmal den Grundlagen der Anfänge der Kryptozoologie zuwenden.

Auch wenn die Kryptozoologie an sich erst in den 50er und 60er Jahren des 20. Jahrhunderts definiert wurde, gehen die Wurzeln bis weit in die Vergangenheit des Menschen zurück. Seit jeher war der Mensch von seltsamen und dem Betrachter unbekannten Tieren fasziniert. Viele Sagen und Legenden beruhen auf solchen alten und immer weiter ausgeschmückten Überlieferungen. Schon in der Steinzeit fertigte der Mensch prachtvolle Höhlenzeichnungen jener Tiere an, die in seinem Lebensraum und in seiner Mythologie vorkamen. In der Antike und mit den Anfängen der zoologischen Klassifizierung unter Aristoteles und weiteren Gelehrten, flossen solche Wesen in das Klassifizierungsbild der Tierwelt mit ein, wo diese bis ins 17. und 18. Jahrhundert ihren festen Platz in der Tierwelt besaßen. Und es gab schon immer Menschen, die sich der Suche nach solch fantastischen Wesen verschrieben.

Selbst Conrad Gesner, der wohl federführendste Vater der modernen Zoologie, nahm noch diverse mythologische Wesen (z.B. Einhörner, Drachen) in sein mehrbändiges Werk Historia animalium mit auf, allerdings bereits in einer kritischen Betrachtungsweise. Während der großen Aufklärung indes verschwanden die meisten dieser fantastischen Wesen aus den Lehrbüchern dieser Zeit. Schließlich verkündete der französische Baron und Naturwissenschaftler Georges Cuvier im Jahr 1812 lautstark, dass nur wenig Hoffnung bestünde, neue Tierarten zu entdecken.

Wie sehr sich Cuvier jedoch irrte, zeigen die Entdeckungen der letzten Jahre eindeutig. Nach dessen Einschätzung hätten der Berggorilla (1903), das Okapi (1901), der Komodowaran (1912) oder das Saola (1992) niemals existieren können, stellen diese doch sehr große Vertreter von landbewohnenden Tieren dar, obwohl man bereits im 19. Jahrhundert unsere Welt für erforscht erklärte. Dass dies eben nicht der Fall ist und wir im Grunde genommen gerade erst richtig beginnen unsere Welt systematisch zu erforschen, belegt recht eindeutig die Zahl der bislang bekannten Tierspezies auf der Erde. Grob überschlagen kennen wir heute bislang etwa 1,75 Millionen Spezies , davon kennen die meisten Menschen weniger als 0,01 Prozent. Es ist jedoch davon auszugehen, dass es sich bei diesen nur um einen Bruchteil aller existierenden Arten handelt. Schätzungen gehen davon aus, dass die Gesamtzahl aller Arten der Erde deutlich höher ist. Die extremen Annahmen reichen dabei bis zu 117,7 Millionen Arten, am häufigsten werden jedoch Schätzungen zwischen 13 und 20 Millionen Arten angeführt , wobei man sich allgemein auf einen Mittelwert von 15 Millionen verschiedener Spezies festgelegt hatte. Einen Großteil dieser bislang unbekannten Arten wird man unter den Insekten und Wirbellosen finden, aber auch eine Unzahl höherer Tiere warten noch auf ihre Entdeckung. Allerdings müssen wir gerade heute sehr vorsichtig agieren, da wir viele Arten vermutlich durch das Eingreifen des Menschen bereits ausgerottet haben, bevor diese überhaupt entdeckt werden konnten.

Die Zoologie wird noch über Jahrhunderte immer neue Arten entdecken und in die Klassifikation hinzufügen und ergänzen. Vor allem in der Tiefsee und entlegenen Lebensräumen wird man stetig neue, bislang unbekannte Arten finden können. Der normale Ablauf einer zoologischen Entdeckung verläuft so, dass man in einem bestimmten Gebiet alle möglichen Tierfunde dokumentiert und Beschreibungen der Tiere anfertigt. Stimmt eine Beschreibung mit keiner bekannten Art überein, hat man eine neue Art entdeckt. Diese kann dann anschließend klassifiziert und wenn möglich weitgehendst untersucht und das Verhalten und Ökologie des Tieres dokumentiert werden. Somit sind rein zoologische Funde im Grunde genommen immer Zufallsfunde, da diese ohne gezielte Suche stattfinden.

Doch kommen wir wieder zur Thematik der Kryptozoologie zurück, die sich als eine gewisse Form, oder besser gesagt erweiterte Methodik, der Zoologie darstellt. Wie bereits gesagt, gab es seit jeher Menschen, welche auch solchen Wesen nachspürten, die aus Sagen, Legenden und alten Mythen entsprungen scheinen. Oder solchen Tieren, die in Geschichten und Berichten auftauchten, für welche es aber keinen fundierten Beweis für deren Existenz gibt. Doch erst in den frühen 50er Jahren des 20. Jahrhunderts sollte hier eine zusammenfassende Methode zur Klassifizierung und Erforschung solcher Wesen entstehen.

Bernard Heuvelmans , der auch als Vater der Kryptozoologie galt, war promovierter belgisch-französischer Zoologe. Er befasste sich mit der wissenschaftlichen Suche nach verborgenen Tieren und begründete damit die Kryptozoologie im modernen Sinne. Er publizierte verschiedenste Bücher und Artikel, vor allem im Bereich der Kryptozoologie, zur Theorie der initialen Bipedie (ursprüngliche Zweifüßigkeit der Ursäuger), aber auch zur Jazzmusik. Nach dem Zweiten Weltkrieg steigerte sich sein Interesse an allem, was ihm innerhalb seines Fachgebiets der Zoologie ungewöhnlich oder anormal erschien. So fasste er 1948 den Entschluss, systematisch Berichte und Zeitungsartikel über alles zu sammeln, was aus dem Rahmen fiel. Der Wendepunkt in seinem Leben war in diesem Jahr ein Artikel von Ivan T. Sanderson in der Saturday Evening Post, der sich mit möglicherweise überlebenden Dinosauriern im Kongobecken („There could be Dinosaurs…“) beschäftigte. In diesem Moment kam ihm der Gedanke, ein ganzes Buch über derartige unbekannte Tiere zu schreiben.

Das Buch „Sur la Piste des Bêtes Ignorées“ erschien einige Jahre später 1955 in einer französischsprachigen Ausgabe in zwei Bänden und wurde zu einem Bestseller. Es wurde 1958 ins Englische (On the Track of Unknown Animals) übersetzt, mehr als eine Million Exemplare wurden weltweit in über 20 Sprachen verkauft, darunter Japanisch, Serbokroatisch und Slowenisch – aber bis heute ist es noch nicht auf Deutsch erschienen. Der erste Band befasst sich mit verborgenen landlebenden Tieren in Südostasien und Ozeanien, der zweite mit solchen in Afrika, Amerika und Sibirien. Die Wirkung von „Sur la Piste des Bêtes Ignorées“ und der späteren englischen Übersetzung war enorm.

1959 wurde der Begriff Kryptozoologie, den Heuvelmans zuvor lediglich in privaten Korrespondenzen benutzte, zum ersten Mal nachweislich in einem Heuvelmans gewidmeten Buch von Lucien Blancou über die Canidae (Hundeartige) gebraucht („Heuvelmans, Maitre de la Cryptozoologie“). Der Begriff setzt sich aus den drei altgriechischen Wörtern kryptos für „verborgen“, zoon für „Tiere“ und logia für „Lehre“ zusammen. In Anlehnung an diesen Begriff wurde auch das Wort Kryptid (Plural: Kryptiden), für die Tiere, mit denen sich die Kryptozoologie beschäftigt, geprägt und von Heuvelmans übernommen.

Der Begriff Kryptozoologie bedeutet somit so viel wie „Lehre der verborgenen Tiere“, was den eigentlichen Hintergrund dieser speziellen Forschungsrichtung passend zusammenfasst. Heuvelmans selbst definierte die Kryptozoologie als „die wissenschaftliche Studie von Tierformen, deren Existenz nur auf Zeugenaussagen, Indizien oder auf Material, das jemand als ungenügend bewertet hat, basiert.“

Das Hauptziel der Kryptozoologie ist somit klar definiert, nämlich die Suche nach vor der Wissenschaft verborgen lebenden Tieren, die zwar in verschiedensten Quellen oder durch Zeugen, sowie durch Indizien (Felle, Knochen, Spuren, usw.) belegt sind, für die es jedoch keinen eindeutigen Beweis für deren reale Existenz zur jetzigen Zeit gibt.

Die Kryptozoologie in ihrer Definition gab es jedoch schon lange vorher, denn sie ist und war im Grunde schon immer ein Teil der Zoologie. David Livingstone, Richard Burton, John Speke und viele andere Entdecker, die tief in die unbekannten Regionen unseres Planeten vordrangen, brachten Berichte über fremdartige und unbekannte Kreaturen mit nach Europa, die den Naturvölkern schon lange bekannt waren. Kryptozoologie war, in einem geschichtlichen Bezug gesehen, zu diesen Zeiten gewissermaßen die eigentliche Zoologie.

Während sich die rein zoologische Methodik heute jedoch vornehmlich um bereits bekannte Tiere kümmert und Neuentdeckungen aufgrund von Zufallsentdeckungen geschehen, trennt sich heute die Forschungsrichtung der Kryptozoologie von der Zoologie ein wenig ab und bildet eine erweiterte Suchmethode innerhalb der Zoologie, die auf den bereits benannten Kriterien der Bestimmung einer kryptozoologischen Untersuchung unterliegt.

Generell kann man die Kryptozoologie und deren Ansätze in folgenden Punkten zusammenfassen:

  • Die klassischen Ansatzpunkte für eine kryptozoologische Suche sind ethnologische Berichte von unbekannten Tieren in alten Texten, Erzählungen oder bildliche Darstellungen und Skulpturen.
  • Weiterhin zählen zu den klassischen Quellen Augenzeugenberichte. Seit dem Aufkommen moderner Techniken gehören auch Foto- und Filmaufnahmen, Sonaraufnahmen und ähnliches hierzu. Diese Berichte, bzw. Aufnahmen, bilden heute die größte und zeitgleich schwierigste Informationsquelle.
  • Physische Indizien wie Trittsiegel, Haar- bzw. Fellreste, Knochen, Kadaver, Exkremente oder Fressspuren. Diese Quellen sind recht selten, bieten jedoch die direkte Ãœberprüfung mittels der DNA-Analyse und somit des eventuellen Existenznachweises vor einer eigentlichen Entdeckung.

Hierbei stellt sich oftmals die Frage, ob die Kryptozoologie an sich als eigenständiger Wissenschaftszweig anzusehen ist, wie es die Ausführungen von Heuvelmans andeuten. Genau betrachtet ist diese Frage jedoch etwas schwierig zu beantworten. Die Kryptozoologie ist eine interdisziplinäre wissenschaftliche Methodik, die auf den erweiterten Grundlagen der Zoologie aufbaut. Somit ist diese eine erweiterte Methodik der Zoologie, also ein Forschungsfeld und Suchmethode innerhalb der Zoologie – und keine eigene Wissenschaft. Interdisziplinär deshalb, da neben dem zoologischen Aspekt an sich innerhalb der kryptozoologischen Methodik gleich mehrere Wissenschaftsbereiche zusammenkommen und in das Forschungsfeld der Kryptozoologie einfließen. Wichtige Elemente wären hier z.B. Mythologie, Forensik, Linguistik, Psychologie, Ethnologie, Anthropologie, Paläozoologie und etliche weitere Wissenschaften, die durch die kryptozoologische Methodik zusammengeführt werden, um bislang unzureichend oder falsch bewertetes Material zu erfassen, auszuwerten und eventuell eine biologisch belegbare Entdeckung daraus abzuleiten.

Letztendlich kann man anführen, dass die Kryptozoologie nach all jenen verborgenen Tieren sucht, welche zwar durch Zeugen oder anderweitige Indizien in irgend einer Form bereits bekannt sind, jedoch als zoologisch (noch) nicht erfasst oder als ausgestorben gelten.

Da das breite Themenspektrum der Kryptozoologie durch die Vielzahl der verschiedenen Typen an Kryptiden unheimlich Komplex ist, wurde schon recht frühzeitig eine Unterteilung in verschiedene Fachbereiche innerhalb der Kryptozoologie gefordert.

So unterteilt man spezielle Vertreter in verschiedene Gruppen innerhalb der kryptozoologischen Methodik:

  • Die Dracontologie befasst sich vornehmlich mit im Wasser lebenden Kryptiden.
  • Unter dem Sammelbegriff Hominologie werden affen- und menschenartige Wesen zusammengefasst.
  • Fliegende Kryptiden ist selbsterklärend und befasst sich mit allen fliegenden Wesen und Vögel.
  • Mythologische Kryptozoologie befasst sich mit den Hintergründen von Legenden und Mythen.
  • Die Out of Place Sichtungen gehen Sichtungen von bekannten Tieren auf den Grund, die in für diesen untypischen Regionen gesichtet werden.

Quelle: M. Schneider – Auf der Spur des Unbekannten

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