Die Pest im Mittelalter

Eine staubige Straße zieht sich durch das Land. In der Dämmerung fährt ein alter Karren in Richtung Stadt. Das Pferd, das den Wagen zieht, sieht genauso verhärmt wie sein Lenker aus. Beide sind abgemagert, Pferd und Lenker dampfen vor Anstrengung, trotz der Kälte. Müde hebt der Händler seine Augen und schätzt den Weg zum Tor der Stadt ab, sinkt aber sofort wieder mit einem Hustenanfall in sich zusammen. Der klapprige Gaul kommt ins Straucheln und droht zu stürzen, mit einem harten Zuruf und einem Schlag der Gerte rappelt sich das Tier wieder von den Knien hoch. Der Ruf hat vom Händler alles abverlangt, über der Kruppe des Pferdes breiten sich schwarze Flecken aus. Endlich in der Stadt, der Händler stellt sein Pferd unter und begibt sich in das nächste Gasthaus. Immer wieder schütteln ihn heftige Hustenanfälle, das Fieber lässt seine Augen seltsam glänzen. Der schwarze Tod hat Einzug in eine große Handelsstadt gehalten, bald werden auch hier die Menschen sterben…

Doch nicht nur das Mittelalter war für die Pest berühmt und berüchtigt. Schon Thukidides berichtete 430 v. Chr. von einer Seuche, die sich im Peloponnesischen Krieg in Athen ausbreitete und die Züge der Pest trug.

Tod und Aberglaube

Pestdoktor im Mittelalter
Pestdoktor im Mittelalter

Im Mittelalter war z.B. eine bestimmte Konstellation der Planeten Mars und Jupiter als todbringend bekannt. Pariser Wissenschaftler unter König Philipp VI. machten eine Dreierkonstellation aus Mars, Jupiter und Saturn, die in einem 40° Winkel zu Aquarius standen, für den Ausbruch der Pest verantwortlich.

In den skandinavischen Ländern hingegen stellte man sich den Pesterreger als blaues Flämmchen, einen Dämonen oder als Tier vor, die den Menschen für seine Sünden strafen sollen.

Die Menschen des Mittelalters waren meist gläubige Menschen und so sah man den Ausbruch dieser Krankheit als eine Strafe Gottes an. Es gibt verschiedene Erklärungsversuche der Gelehrten aus dem 14. Jahrhundert. Heute kann man darüber lächeln, aber die Menschen der damaligen Zeit nahmen diese „Beweise“ sehr ernst.

Das Mittelalter war die beste Brutstätte für Endemien wie die Pest. Die Städte und Dörfer ertranken im Unrat. Die hygienischen Verhältnisse beschränkten sich nur auf das dürftigste. Nachttöpfe und anderer Müll wurden aus den Fenstern der Häuser gekippt, wer unter den Fenstern vorbeilief hatte Pech und bekam auch schon einmal eine Ladung über den Kopf gekippt. Lebensmittel wurden in den meisten Häusern offen gelagert und Ratten hatten meist Überzahl gegenüber den Menschen. Rattenfänger waren zwar tätig, aber hier war kein durchkommen mehr. Die Ratten tummelten sich auch bei Tageslicht auf den Straßen und holten sich alles aus herumliegenden Müllhaufen, das sich noch fressen ließ. Badehäuser, die zu dieser Zeit als gesellige Treffpunkte galten, wurden aus moralischen Gründen geschlossen. Man badete nicht nach Geschlechtern getrennt und die Kirche sah dies als Stein des Anstoßes, um dies als sündiges Verhalten zu deklarieren.

Aber ein kleiner Mitbewohner der Ratten, der sogenannte Rattenfloh, löschte auf dem Höhepunkt der Pest um das Jahr 1350 knapp 30% der gesamten europäischen Bevölkerung aus. Ein einziger Händler, Gaukler oder sonstiges fahrendes Volk konnte zu dieser Zeit ganze Landstriche entvölkern.

Umgang mit der Pest

Wurde eine Erkrankung in einem Haus festgestellt, wurden die Türen mit einem weißen Kreuz gekennzeichnet. Die Zugänge wurden meist mit Brettern vernagelt, waren viele benachbarte Häuser befallen, kam es auch vor das ganze Gassen und Straßen zugemauert wurden. Nur eine kleine Luke durfte in den betroffenen Häusern und Straßen frei bleiben. Man nannte dies die „Pesttüre“. Durch diese wurden Lebensmittel an die betroffenen Menschen abgegeben.

Nachdem ein Pestausbruch bekannt war, wurden schon im Mittelalter Quarantänezeiten für Reisende eingeführt. So durften Händler, die aus einer betroffenen Stadt kamen, eine andere nicht vor Ablauf einer Zeit von 40 Tagen betreten. Doch meist konnten diese Vorsichtsmaßnahmen nicht fruchten, denn bis der Ausbruch bekannt wurde, waren die Händler schon in alle Himmelsrichtungen verteilt und hatten den Erreger längst verbreitet.

Jeden Morgen konnten die gesunden Bürger der Städte eine grausige Prozession von Karren und Bahren verfolgen, die in infizierte Straßen gingen und die Toten abholten. Da die Häuser nicht betreten werden durften, wurden die Toten von den Angehörigen einfach aus den Fenstern geworfen, die Türen waren meist verbrettert oder zugemauert. Die Totengräber luden die Leichen mit langen Stöcken auf ihre Karren und kippten sie in große Gruben, die sie mit Kalk und Erde auffüllten.

Bei Prozessionen in deutschen Städten traten sogenannte Flagellanten auf. Sie waren mit Sacktüchern bekleidet und trugen Hüte, die mit roten Kreuzen bestickt waren. Die Flagellanten schlugen sich bei den Prozessionen mit Geißeln blutig, um die Sünden der Menschen auf sich zu nehmen und die Pest von den Städten und Dörfern abzuwenden. Am Beginn dieser Prozessionen standen die Kirchen noch hinter diesem Treiben und sie läuteten die Glocken wenn die Prozessionen die Ortschaften erreichten. Vor den Flagellanten gingen Vorsänger mit Kreuzen, Kerzen und Fahnen. In den Kirchen angekommen schlugen sich diese Leute mit den Geißeln blutig, die Striemen liefen blau an, es bildeten sich enorme Beulen, die der Pest ähnelten. Die Verehrung, die den Flagellanten vom Volk und auch von Fürsten entgegengebracht wurde, war der Kirche jedoch ein Dorn im Auge. Papst Klemens VI. verbot schließlich 1357 diese Bewegung und ließ Mitglieder hängen oder köpfen.

Man versuchte mit allen möglichen Mitteln dieser Krankheit Herr zu werden. So wurden z.B. Riechwässer in den Straßen der Städte versprüht und verschüttet, um die Luft zu reinigen. Eine absolut unnötige Tat, denn die Reinigung der Luft hätte nicht viel geholfen. Man wusste aber anscheinend zu dieser Zeit bereits, dass sich die Pest durch die Luft von Mensch zu Mensch übertragen kann. Auch Prozessionen und Festspiele sollten gegen die Pest helfen. In vielen Städten kann man heute noch die Pestsäulen finden, die zu dieser Zeit überall aufgestellt wurden. In manchen Orten wurden Scheiterhaufen aus wohlriechenden Hölzern aufgeschichtet und angezündet, um den „Pesthauch“ zu vertreiben. Man hielt sich mit in Kräutern getränkte oder parfümierte Schwämme und Gefäße unter die Nase, um den Erreger nicht einzuatmen. Pestärzte schützen sich mit weiten Gewändern und Pestmasken, die einem Vogelschnabel ähnelten, in dem sich verschiedene Substanzen zum Schutz der Atemluft befanden.

Die Kirchen fanden nach dem Verbot der Flagellanten wieder enormen Zulauf. Man befahl den Bürgern regelmäßig zu beten und Buß- und Fastentage einzulegen. Zu diesem Zeitpunkt war das berühmteste Mittel gegen die Pest das „Theriak“, ein Gebräu aus 70 verschiedenen Kräutern und Stoffen, die auch heute noch weitgehendst unbekannt sind, aber den Apothekern und Feldschern der damaligen Zeit die Kassen füllten. Auch das „Priestersalz“, von den Kirchen verkauft, erfreute sich großer Beliebtheit. Dieses Mittel wurde aus gebranntem Salz und verschiedenen aromatischen Inhaltsstoffen hergestellt.

Pestmedizin

Es gab einige Prophylaxen im Mittelalter, die jedem Menschen heute den Ekel ins Gesicht treiben würden, aber die Menschen glaubten an die Hilfe dieser Mittel. Man dörrte und zerrieb z.B. Kröten und nahm dieses „Medikament“ zu sich. Auch ein Brustbeutel mit einer eingenähten, getrockneten Kröte sollte die Pest abwehren. Die Apotheker stellten Salben aus getrockneten Skorpionen, Spinnen und Kröten her, die Menschen sollten sich diese Mixtur auf die Brust reiben, um vor der gefürchteten Lungenpest gefeit zu sein. Auch das Riechen an Ziegenböcken und toten, fauligen Hunden sollte die Gesundheit erhalten. Absurd? Nein, tiefster Glaube in dieser Notzeit.

Die Adligen und die reichen Bürger hielten es aber lieber mit „fuge, recede, redi“, was soviel wie „Hau ab, geh von dort weg und komm zurück wenn die Lage wieder sicher ist“ bedeutet. Nur jeder konnte sich so eine Verhaltensweise nicht leisten. Der Adel hatte meist Sommersitze auf dem Land, wohin man sich zurückziehen konnte, der normale Bürger einer Stadt hatte jedoch keine Chance in einer Gemeinde aufgenommen zu werden, sobald bekannt wurde, dass in seiner Heimat die Pest ausgebrochen war.

Aber es gab auch durchaus vernünftige Prophylaxen zu dieser Zeit. So wurde von den beiden Ärzten Montpellier und Bologna empfohlen sich von großen Menschenansammlungen fernzuhalten und sich in Bädern zu reinigen. Im gleichen Atemzug wird aber auch empfohlen entweder des Nachts viel auf den Straßen herumzulaufen und die reine Luft einzuatmen oder mit vielen Frauen sexuellen Verkehr zu haben. Auch sollte man immer ein kräftiges Feuer in den Zimmern brennen haben, des Tags und des Nachts. Die Fenster nicht vor dem Morgen öffnen und dann auch erst wenn die Sonne schon etwas länger geschienen hat und die Luft damit reinigte. Der Gram des Herzens, Ärger, Wut und Trauer waren nach diesen beiden Ärzten auch ein Auslöser der Pest. Man sollte reinen Weinessig zu sich nehmen, um den Körper zu reinigen. Musste man morgens aus dem Haus, sollte man sich alle Körperstellen, die nicht von Kleidung bedeckt waren, mit Rosenwasser und Weinessig einreiben, um sich zu desinfizieren.

Normal durften bei dieser Lebensführung keine Krankheiten auftreten, so die beiden Medikusse, aber wenn doch, wussten sie auch hier eine Lösung, allerdings lag es dann daran, dass sich die Menschen nicht an ihre Ratschläge hielten.

An der Stelle, an der der erkrankte die Beule fühlte, soll er sich zur Ader lassen. Aber um Gottes Willen nicht auf der gesunden Seite, denn dies würde die Pest am Herzen vorbeileiten und unweigerlich zum Tode führen. Sollte nach dem Aderlass etwas vom „Pesthauch“ zurückgeblieben sein, nimmt man eine der bekannten Arzneien ein und das Fieber nimmt reißaus. Eine etwas eigenwillige Therapie, aber diese beiden waren im Mittelalter die führenden Ärzte am französischen Hofe.

Doch auch der tiefe religiöse Glaube der Menschen im Mittelalter konnte hier nicht helfen. Der Verursacher lief auch nach den Prozessionen und versprühen von Riechwässern noch munter durch die Straßen und verteilte seine Rattenflöhe munter an die Einwohner weiter.

Auch in der Geschichte hinterließ die Pest einige Legenden. So z.B. in der Stadt Landshut die Gras- und die Rosengasse. Nach dem Ausbruch der Pest wurden hier die Menschen „interniert“ und die Zugänge von beiden Seiten der Stadt zugemauert. Eine absolut unsinnige Maßnahme, aber zur damaligen Zeit oft praktiziert. Nachdem die Epidemie in der Stadt abgeklungen war, öffnete man die Mauern wieder. Man fand dahinter in einer Gasse alles mit Gras überwuchert, in der zweiten Gasse waren die Häuser mit Kletterrosen überzogen, schreibt die Geschichte. Daher auch die beiden Namen der Gassen, die sich bis heute in der alten Herzogsstadt gehalten haben. Solche Erzählungen gibt es in ganz Deutschland und Europa, und jede größere Stadt hat ihre eigene Legendenbildung nach dem schwarzen Tod.

Die Pest in modernen Zeiten

1896 kam es zum letzten wirklich großen Pestausbruch im asiatischen Raum. Durch die Handelsschifffahrt verteilen sich infizierte Ratten in fast sämtlichen großen Häfen der Welt und forderten etwa 12 Millionen Todesopfer.

Heute kennt man den Verursacher der Krankheit recht genau, keine Strafe Gottes oder ein Zeichen des Bösen, sondern ein relativ einfaches Bakterium. Das Pestbakterium Yersinia pestis, ein unscheinbares Bakterium unter dem Mikroskop, birgt ein enormes zerstörerisches Potential in sich. Unter katastrophalen hygienischen Zuständen und einem passenden Wirt, kann dieses unscheinbare Bakterium zur Hölle auf Erden werden.

Im Juli des Jahres 2001 kamen Forscher der Universität Liverpool zu einer erstaunlichen Erkenntnis. Die Pest in England, die in den Jahren 1665 und 1666 wütete, könnte keine Pest gewesen sein, sondern eine Ebola ähnliche Erkrankung. Anhand der Sterberegister, in Großbritannien mussten Pestfälle gesondert als Todesursache angegeben werden, fanden sie heraus, dass der Zeitraum von der Ansteckung bis zum Tod 38 Tage betrug, aber erst 5 Tage vor dem Tod der Betroffenen zeigten sich Symptome der Krankheit. Die Anzeichen, die in den Registern genannt werden, sind rote Flecken auf der Brust, das sogenannte „Zeichen Gottes“. Zu dieser Zeit wurden schon vereinzelt Autopsien an den Verstorbenen vorgenommen. Die Ärzte sprechen in ihren Berichten immer wieder von Auflösungserscheinungen der inneren Organe. Eigentlich ein sicheres Zeichen für eine Erkrankung an Filo- bzw. Echoviren, aber nicht für die Pesterkrankung mit Yersinia pestis. Auch die roten Flecken sind absolut untypisch für die Pest. War die Pest in Großbritannien der Ausbruch einer Ebola-Infektion? Absolut sicher ist allerdings, dass die Pest in Mitteleuropa durch das Pestbakterium hervorgerufen wurde, die Krankheitssymptome sind hier eindeutig.

Der Ausbruch einer Pestinfektion heute in Europa würde verheerende Folgen haben. Wie bei vielen als schon „ausgerottet“ geglaubten Krankheiten, steht auch für die Pest nicht mehr genügend Impfstoff zur Verfügung. Die Ressourcen würden sofort erschöpft sein, der Nachschub an Impfstoffen würde Monate dauern. In diesem Zeitraum kann sich die Krankheit durch Reisende schon in der ganzen Welt verteilt haben. Auch in der Neuzeit ist das „fahrende“ bzw. „fliegende“ Volk der größte Risikofaktor bei der Verbreitung dieser gefährlichen Krankheit.

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Autor: Martina Lohr
Auszug aus Beitrag in ParaMagazin – Ausgabe 1

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