Monochrome Monday: Die Stunde zwischen den Welten

Monochromes Portrait

Es heißt, es gebe eine Stunde, die keinem Tag und keiner Nacht gehört. Eine Stunde, die sich wie ein dünner Faden zwischen zwei Welten spannt — so fein, dass man sie nur spürt, wenn man ganz still wird. In dieser Stunde erwachte sie.

Sie lag auf einer kleinen Anhöhe, wo die Gräser im Wind flüsterten und der Himmel noch unentschlossen war. Hinter ihr ruhte die Nacht, tiefblau und voller Erinnerungen. Vor ihr wartete der Tag, noch ungeboren, ein heller Atemzug, der sich sammelte. Sie wusste: Dies war der Moment, in dem alles möglich war. Der Moment, in dem man die Welt neu denken konnte, bevor sie wieder zu dem wurde, was man von ihr erwartete.

Sie setzte sich auf, spürte die Kühle der Nacht an ihren Schultern und die Wärme des kommenden Lichts an ihren Händen. Beides zugleich — wie zwei Stimmen, die sich nicht widersprachen, sondern einander ergänzten. »Was nehme ich mit«, fragte sie die Nacht, »und was lasse ich hier?«

Die Nacht antwortete nicht mit Worten. Sie zeigte ihr Bilder: ein Lächeln, das sie gestern verschenkt hatte, ein Gedanke, der sie lange beschwert hatte, ein kleiner Mut, der sich neu gebildet hatte wie Tau auf einem Blatt. Und sie nickte, nahm das Lächeln mit. Sie ließ den schweren Gedanken zurück und nahm den Mut. Dann wandte sie sich dem Morgen zu.

Der Horizont begann zu glühen, nicht laut, sondern wie ein Geheimnis, das sich langsam offenbart. Ein goldener Bogen spannte sich über die Welt, und sie trat hindurch. In diesem Schritt, in diesem einzigen Schritt, wurde sie ein wenig mehr sie selbst. Und der neue Tag begann.

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