Das Wesen stand im Halbschatten, als wäre es dort nicht entstanden, sondern hineingeflossen — ein stiller Riss in der Dunkelheit. Es rührte sich nicht, doch seine Präsenz drückte gegen die Wände, als würde der Raum selbst versuchen, vor ihm zurückzuweichen. Sein Blick traf mich wie ein kalter Schnitt. Für einen Moment glaubte ich, eine Gorgone zu erkennen, doch der Gedanke zerfiel sofort. Die Schlangen fehlten. Nur eine einzige, schwere Schlange lag über ihren Schultern, und ihr Körper wand sich langsam, als würde sie den Rhythmus meines Herzschlags nachahmen. Der Kopf des Wesens war gekrönt von langen, knochigen Dornen, die sich ineinander verschlungen hatten wie ein kunstvoller Käfig. Manche Dornen wirkten frisch gewachsen, andere alt, brüchig, als hätten sie schon viele Leben gesehen. Ich begriff, dass ich ein Mischwesen vor mir hatte, eine Gorgone, durchsetzt mit etwas Fremdem, etwas Dämonischem, etwas, das nicht in die Welt gehörte.
Ihr Blick traf mich erneut. Ein Froststoß. Mein Blut erstarrte, doch mein Körper blieb weich, warm, verletzlich. Die Luft wurde schwerer, dichter, als würde sie sich um mich legen. Die Temperatur sank abrupt. Schatten lösten sich von den Ecken und krochen über den Boden, als hätten sie endlich die Erlaubnis erhalten, sich zu bewegen. Dann begann das Flüstern. Es war kein Geräusch, sondern ein Eindringen. Stimmen, viele Stimmen, die sich übereinander schoben, als würden sie versuchen, gleichzeitig durch dieselbe Öffnung zu kriechen. Manche klangen nah, andere fern, manche wie Kinder, manche wie Sterbende. Sie wurden lauter, dringlicher, fast hungrig. Doch kein einziges Wort war verständlich, nur das Gefühl, dass sie etwas von mir wollten.
Ich stand wie festgenagelt. Mein Körper gehorchte mir nicht mehr. Ich konnte meinen Blick nicht von ihren Augen lösen. Augen, die nicht sahen, sondern durchdrangen. Augen, die suchten. Warum werde ich nicht zu Stein, dachte ich, ein kurzer Funken Erleichterung, der sofort wieder erlosch.
Das Flüstern brach ab. Nicht langsam, es wurde abgeschnitten, als hätte jemand die Welt selbst verstummen lassen. Die Stille danach war so tief, dass ich meinen eigenen Herzschlag nicht mehr hörte. Das Wesen bewegte sich. Nur ein wenig. Genug, um mir zu zeigen, dass es mich nicht mehr betrachtete. In ihrem Gesicht lag ein Ausdruck, der mich mehr erschütterte als alles zuvor. Nicht menschlich, sondern uralt, wie ein Ritual, das zum hundertsten Mal misslungen war. Dann wandte sie sich ab und glitt zurück in die Dunkelheit. Die Schatten folgten ihr, als wären sie ihr Gefolge. Und als sie verschwunden war, blieb der Raum leer — aber nicht still. Etwas blieb zurück. Etwas, das mich beobachtete, obwohl es keinen Körper hatte.








