Das SARS-Virus

An Bord eines Flugzeuges der Singapore Airlines bricht hektische Betriebsamkeit aus, ein Flugpassagier zeigt schwerste Erkrankungssymptome. Man weiß nicht was der Mann hat, aber alles deutet auf eine schwere Lungenentzündung hin. Der Passagier wird so gut es geht von den restlichen Fluggästen isoliert, denn seit Februar 2003 herrscht eine verheerende Infektion in China. Man kennt weder den Erreger, noch weiß man wie man diesen bekämpfen soll. Hohes Fieber und schwerer Husten plagen den Fluggast immer wieder und er wird von Minute zu Minute schwächer. Hat dieser Flug eine unbekannte, tödliche Krankheit an Bord?

Keine Science Fiction oder ein Drama, wie es schon oft verfilmt wurde, dieses Schreckensszenario ist eine Tatsache. Eine gefährliche Krankheit hat durch den modernen Reiseverkehr in Deutschland Einzug gehalten. Am 15.03.2003 landete die Maschine der Singapore Airlines in Frankfurt am Main. An Bord der gefährliche SARS-Virus. Ein zweiunddreißigjähriger Arzt aus Singapur hat dieses Virus in sich. Ihn begleiten seine schwangere Ehefrau und deren Mutter.

Das Fatale an dieser Situation war, dass dieser Arzt aus New York abgeflogen war und nur in Deutschland zwischenlandete, er war bereits beim Abflug erkrankt. So könnten sich auch in New York eine nicht unerhebliche Anzahl von Ansteckungsopfern befinden. Es könnte z.B. der Zeitungsverkäufer sein, bei dem sich der Arzt eine Zeitschrift für den Flug gekauft hatte, das Schalterpersonal der Singapore Airlines, aber auch der Taxifahrer, der den Fluggast zum Flughafen brachte. Eine Ansteckungskette, die jedem das Blut in den Adern gefrieren lässt.

Die Symptome hatten sich während des Fluges immer weiter verschlimmert und der Kapitän hatte per Funk um Hilfe gebeten. Die Gesundheitsbehörden in Singapur hatten sich daraufhin sofort mit den hessischen Behörden in Verbindung gesetzt, um eine weitere Ansteckungswelle zu vermeiden. Gleich nach der Landung wurden die drei betroffenen Personen von den restlichen Passagieren isoliert. 155 Transitreisende wurden noch auf dem Flughafen unter Quarantäne gestellt. 85 Passagiere die nach Singapur weiterflogen, sollten sich sofort nach ihrer Ankunft in ärztliche Behandlung begeben. Eine Aktion, die es in Deutschland seit langem nicht mehr gab. Das lange befürchtete Katastrophenszenario war eingetreten.

Zur selben Zeit berichtet die WHO (World Health Organization) von 150 neuen Verdachtsfällen von SARS in China, Hongkong, Indonesien, Kanada, den Philippinen, Singapur, Thailand und Vietnam. Zwei Erkrankte in Kanada sollen mittlerweile verstorben sein. Die WHO warnt vor einer weltweiten Gesundheitsgefahr. Am 16.03.2003 reagiert die Schweiz. Reisende, die aus gefährdeten Gebieten in die Schweiz einreisen, müssen sich noch am Flughafen auf SARS untersuchen lassen. Besatzungen und Bodenpersonal werden über den Verlauf und die Symptome der untypischen Lungenentzündung unterrichtet und aufgefordert Verdachtsfälle sofort zu melden.

Die Schwiegermutter des Arztes zeigt inzwischen auch die Symptome der atypischen Lungenentzündung mit hohem Fieber, nur die Ehefrau ist als einzige mit nahem Kontakt zum Erkrankten noch gesund. Aber auch sie wird krank und zeigt nach einigen weiteren Tagen Symptome, wie hohes Fieber und eine Halsinfektion. In Frankfurt werden die 155 isolierten Transitreisenden in häusliche Quarantäne entlassen. Sollten sich Krankheitssymptome zeigen, sollen sie sich sofort im nächsten Krankenhaus melden.

Doch was ist eigentlich SARS?

Als SARS bezeichnet man das Schwere Akute Atemnotsyndrom (Severe Acute Respiratory Syndrome). Die Symptome erstrecken sich von schnell auftretendem hohem Fieber, Muskelschmerzen, Heiserkeit, Atemnot bis Husten. Des Öfteren kommt es vor, dass die Patienten eine beidseitige Lungenentzündung entwickeln, in schweren Fällen müssen die Patienten sogar künstlich beatmet werden. Die Inkubationszeit dieser Krankheit wird auf zwei bis sieben Tage geschätzt, auch hier ist man sich nicht sicher. Das Problem diese Krankheit zu erkennen ist einfach zu erklären. Der Krankheitsverlauf entspricht einer atypischen Lungenentzündung, die durch Erreger wie Chlamydien, Mykoplasmen oder Legionellen verursacht werden. Doch diese kann man nur durch eine gezielte Blutuntersuchung finden. Sämtliche Erreger der atypischen Lungenentzündung treten jedoch nicht bei SARS auf. Bei SARS fand man bisher nur eine Verminderung der Leukozyten (weiße Blutkörperchen) und einen Abfall der Thrombozyten (Blutplättchen).


Am 19.03.2003 wird der erste Erklärungsversuch für den Auslöser der Krankheit bekannt gegeben. Man vermutet einen Paramyxovirus als Verursacher. Paramyxoviren (Paramyxoviridae) lösen eine Vielzahl von Atemwegserkrankungen aus, die unterschiedlich gefährlich sind. Bei Menschen wie auch bei Tieren sind sie sehr weit verbreitet, allerdings stecken sich häufig Kinder damit an. Sie können Krankheiten wie Masern und Mumps, aber ebenso harmlose Erkrankungen wie Schnupfen und Bronchitis hervorrufen. Auch die Tierwelt bleibt von diesen Viren nicht verschont, sie lösen z.B. die Hundestaupe aus. Von diesen Viren wurden in den vergangenen Jahren mehrere neue Arten entdeckt.

In Australien erkrankten 1994 an dieser Virenart 20 Pferde, 13 von ihnen starben. Auch ein Mensch hatte sich mit der neuen Virenart infiziert und musste sterben. 1000 Kilometer von Brisbane entfernt wurde der Virus identifiziert. Es war der sogenannte Hendravirus, der eigentlich nur Flughunde infiziert und bei diesen vorkommt.

1999 trat in Malaysia eine völlig neue Seuche bei Schweinen auf. Hunderte von Menschen, die in der Landwirtschaft arbeiteten, erkrankten an Gehirnentzündung und viele von ihnen starben. Der sogenannte Nipah-Virus konnte nur durch die Massentötung von Schweinen eingedämmt werden. Auch hier war scheinbar ein Flughund das natürliche Reservoir für den neuen Virus.

Die Welt horchte auf, einige Journalisten hatten die Vermutung geäußert, dieser Virus könnte eine neue, bisher unbekannte biologische Waffe darstellen. Aber Fachärzte sprechen sich gegen diese Vermutung aus. Auch wenn die bewusste Veränderung von Virenstämmen in Laboren durchgeführt wird, ist beim Paramyxovirus keine Gefahr zu sehen. Dieser Erreger ist im Vergleich zu Pocken- oder Influenzaviren relativ ungeeignet für Terrorattacken, denn er überträgt sich nicht so einfach. Eine Attacke, auch mit manipulierten Viren, hätte das ganze Flugzeug infizieren müssen, dennoch wurden nur drei Passagiere krank. Doch die Hoffnung den Erreger von SARS gefunden zu haben bestätigte sich leider nicht.

Erst am 25.03.2003 hatte man den Übeltäter identifiziert. Es handelt sich hierbei um einen neuen Stamm der Corona-Viren. Einem Team aus Virologen des Hamburger Bernhard-Nocht-Instituts an der Universität Frankfurt war es gelungen, mit Hilfe molekularer Methoden typische Genabschnitte von Coronaviren in den Patientenprobe des Frankfurter Falles, sowie auch in einer Zellkultur nachzuweisen. Nach Aussagen der Virologen handelt es sich um völlig unbekannte, nicht in der Datenbank erfasste Genabschnitte. Das Virus gilt mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit als Erreger, denn es wurde auch mit Hilfe von Antikörpertests identifiziert. Es wurde zwar in anderen Patientenproben ein Metapneumovirus aus der Gruppe der Paramyxoviren isoliert, aber in den Proben der Patienten in Frankfurt fand sich kein Paramyxovirus. Aufgrund der Frankfurter Ergebnisse wurden sämtliche Tests an Patienten weltweit wiederholt. Ein Kopf-an-Kopf-Rennen begann. Mehrere unabhängige Laboratorien wollten mit individuellen Testverfahren an verschiedenen Patientenproben das Virus identifizieren und somit die Testergebnisse des Frankfurter Instituts widerlegen.

Doch man kam zu dem gleichen Ergebnis: Auslöser der Krankheit ist wirklich ein Coronavirus. Aber auch die CDC (Centers for Disease Control) in Atlanta war nicht untätig geblieben. Sie hatten die Genabschnitte schon einen Tag vor dem deutschen Ergebnis an asiatischen Patienten mit einer speziellen Sonde nachgewiesen.

Coronaviren gehören zu einer großen und sehr heterogenen Virusfamilie, die ähnlich wie der Paramyxovirus bei Mensch und Tier weit verbreitet ist. Bisher führte diese Virenart jedoch lediglich zu Erkältungskrankheiten.

Jedoch die Hilflosigkeit der Behörden geht weiter. Hunderte von Bewohnern eines Wohnblocks in Hongkong sind wegen der Verbreitung der asiatischen Lungenentzündung zwangsweise unter Quarantäne gestellt worden. Die drastische Maßnahme wird ermöglicht durch neue Vollmachten der Behörden zur Eindämmung der Epidemie, die in Hongkong bereits 13 Menschenleben gefordert und 530 Menschen infiziert hat. Bereits vergangene Woche waren mehr als 1000 Menschen, die engen Kontakt zu Kranken hatten, zwangsweise unter Quarantäne gestellt worden. Die neue Anordnung betrifft den Wohnkomplex Amoy Garden in Kowloon, wo allein 121 Menschen erkrankt sind. Bis mindestens 9. April 2003 dürfen die Bewohner ihre Wohnungen in den Hochhäusern nicht mehr verlassen, werden täglich mit drei Mahlzeiten versorgt und medizinisch betreut, wie Gesundheitsministerin Margaret Chan anordnete. Die Quarantäne kommt etwas spät, da viele besorgte Bewohner schon aus dem Wohnkomplex geflüchtet sind. Bis zu 240 Familien hätten die Flucht ergriffen, berichteten chinesische Zeitungen. Wissenschaftler nehmen Wasser- und Luftproben, um herauszufinden, warum so viele Bewohner erkrankt sind. Befürchtungen, dass das Virus sich über die Luft verbreiten könnte, wurden aber zurückgewiesen.

Auch für den Entdecker dieser Virenerkrankung kommt die Meldung, der Virus sei identifiziert, zu spät. Mit dem italienischen Arzt Carlo Urbani ist der Entdecker der hoch ansteckenden atypischen Lungenentzündung an SARS gestorben. Am 11.03.2003 erkrankte der dreifache Vater und wurde sofort auf die Isolierstation des Krankenhauses in Bangkok gebracht. Der sechsundvierzigjährige Spezialist für Infektionskrankheiten bei der Weltgesundheitsorganisation (WHO) verstarb am 29.03.2003 im Krankenhaus, wie die Organisation in Genf mitteilte. Urbani habe als erster Mitarbeiter der WHO den Ausbruch des Schweren Akuten Respiratorischen Syndroms (SARS) festgestellt. WHO-Generaldirektorin Gro Harlem Brundtland äußerte „tiefe Trauer“ über den Verlust.

Urbani, der bei der WHO-Vertretung in Hanoi arbeitete, diagnostizierte die Krankheit Ende Februar an einem US-Geschäftsmann in einem Krankenhaus der vietnamesischen Hauptstadt, wie die WHO mitteilte. Er habe festgestellt, dass der Patient an einer bislang unbekannten Krankheit litt. Dank der frühen Entdeckung von SARS sei die Wachsamkeit für die hochansteckende Krankheit weltweit gewachsen, teilte die UN-Organisation weiter mit. Urbani war seit 1998 für die WHO tätig. In den Jahren 1999 und 2000 war er Vorsitzender der italienischen Sektion von Ärzte ohne Grenzen; 1999 nahm er in Oslo gemeinsam mit Kollegen den Friedensnobelpreis für die Organisation entgegen. Dr. Urbani empfing seinen medizinischen Grad von der Universität von Ancona in Italien und machte seinen Doktortitel mit dem Thema Malaria und medizinische Parasitologie. Er war auch Präsident von Médecins Sans Frontières-Italien (Ärzte ohne Grenzen).

Wie man sieht, sind beide Virenarten, sowohl die Paramyxoviren, als auch die Coronaviren nicht als biologische Waffe brauchbar. Eine schnelle Infizierung mit SARS ist nicht sichergestellt. Die Krankheit lässt sich bislang mit Antibiotika behandeln. Nur in einzelnen Fällen spricht diese Therapie nicht an. Ein wirksamer Impfstoff für SARS existiert leider nicht, in sämtlichen älteren Fällen waren die Erkrankungen so selten, das man auf eine Produktion des Serums in Masse verzichtete. Aber auch die Existenz eines Impfstoffes wäre bei der aktuellen SARS-Erkrankung völlig nutzlos, denn der Erreger mutiert und die Impfung würde nichts mehr nutzen.

Nur eines sollte uns wirklich Sorgen bereiten: Ähnlich der Pest hat sich wohl auch dieser Erreger weiterentwickelt. Auch die Pest war ursprünglich nur ein harmloser Grippevirus, der Magen-Darm-Beschwerden auslöste. Der Yersinia pestis-Erreger mutierte zu einer der tödlichsten Krankheiten, die die Menschheit jemals heimsuchte.

 

Autor: Martina Lohr

Quelle: Das SARS-Virus, Martina Lohr, Magazin ‚Der einsame Schütze‘, 3. April 2003

Siehe auch:

Das Schweinegrippe-Komplott

Schreibe einen Kommentar