Das Rätsel der Eisbomben

Mega-Cryo-Meteor

Immer wieder geschieht es, dass aus heiterem Himmel plötzlich gewaltige Eisbrocken, sogenannte Eis- oder Frostbomben mit mehreren Kilogramm an Gewicht und erheblichem Durchmesser, fallen und Zerstörungen anrichten.  Sie durchschlagen Hausdächer und Fahrzeuge, zerstören Wegplatten und Gegenstände und können Menschen und Tiere töten.  Dieses Phänomen, das wissenschaftlich auch Mega-Cryo-Meteor genannt wird, wird nur selten beobachtet, kommt aber wahrscheinlich häufiger vor als erwartet, da nur jene Fälle bekannt werden, wenn sichtbare Spuren und Schäden zurückbleiben.  Stürzen diese ins Meer oder in unbewohnte Gebiete, oder gibt es keine Augenzeugen, ist nach kurzer Zeit das Phänomen nicht mehr nachweisbar, da diese großen Eisbrocken einfach dahinschmelzen.  

Am 2. April des Jahres 1973 verließ der Physiker Dr. R. S. Griffiths der Manchester-Universität seinen Arbeitsplatz und begab sich auf seinen Heimweg, als er über sich einen starken Blitzschlag wahrnahm. Da er ein offizieller Blitzbeobachter der elektrischen Forschungsgesellschaft in England war, notierte er die wichtigsten Merkmale wie Zeitpunkt, Standort, Höhe und Wetterbedingungen zu diesem Zeitpunkt. Nach einem neun Minuten andauernden Fußmarsch schlug drei Meter vor ihm ein Eisbrocken auf die Erde und zerbrach beim Aufprall in mehrere Stücke. Als Physiker erkannte er dessen Bedeutung und nahm eines der Stücke mit nach Hause, um es dort im Gefrierschrank aufzubewahren. Doch auf dem langen Weg verlor der Eisbrocken zwei Drittel seines ursprünglichen Gewichtes und wog letztendlich nur noch etwa 612 Gramm.  Aber trotz des großen Gewichtsverlustes erhielt man durch dieses Ereignis einen wertvollen Beweis für ein bisher ungeklärtes Naturphänomen.  Wie kann es überhaupt möglich sein, dass ein derart großes und schweres Objekt plötzlich aus heiterem Himmel fallen kann?

Bereits seit Jahrhunderten existieren Berichte von gewaltigen Eisbrocken, die vom Himmel fielen und Schaden anrichteten.  Zahlreiche Berichte von sogenannten Eismeteoriten belegen, dass diese in der Lage sind Haus- und Autodächer zu durchschlagen und verheerende Schäden anzurichten. Dabei bestätigen diese Aussagen, dass solche Eisbrocken größer und schwerer sind als die bisher schwersten gemessenen Hagelkörner.  Die größten Hagelkörner erreichen ein Gewicht von bis zu 300 Gramm, jedoch liegen diese Eisbrocken weit über diesem Gewicht. Im Januar 1975 schlug in Fulham (England) eine Eisbombe mit einem Gewicht von 22 Kilogramm auf die Erde. Im Januar des Jahres 1977 fand man in Enfield (England) mehrere große Eisbrocken von mehreren Kilogramm Gewicht, die von einem einzigen Eisbrocken mit etwa 50 Kilogramm stammten. Dieser Brocken zerbrach vermutlich während des Aufschlags.

Der von Dr. Griffiths gefundene Eisbrocken ist aus verschiedenen Gründen wichtig für die Wissenschaft. Da Dr. Griffiths ein anerkannter Physiker und Meteorologe war, hatten seine Aussagen entsprechende Glaubwürdigkeit. Andere Berichte von ähnlichen Eisbrocken wurden vor diesem Ereignis als Unfug oder Übertreibungen angesehen. Griffiths konnte aufzeigen, dass sich die Struktur des Brocken sehr von jener eines Hagelkorns unterschied. Er kam zu der Erkenntnis, dass diese Eisbrocken sich aus dem Wasser von Wolken zusammensetzen.  Ob der Blitzschlag, den er einige Minuten zuvor beobachte, im direkten Zusammenhang mit dem Eisbrocken steht, ist nicht belegbar.

Der britische Physiker Eric Crew entwickelte die Theorie, wie ein Blitzschlag heiße Luftströme verursachen kann, die dann die Ausgangsbasis für Eismeteoriten und Kugelblitze sind. Demnach wären diese Eisbrocken ein Wetterphänomen und auf meteorologische Vorgänge zurückzuführen.

Doch die Meinung der Wissenschaftler aus dem Drexel-Institut geht von einer anderen Ursache aus und die großen Eisbrocken können laut deren Einschätzung keinen meteorologischen Ursprung haben. Durch atmosphärische Vorgänge können diese Eismassen nicht entstehen oder erhalten bleiben, wie bei solchen Fällen beobachtet wurden.  Vielmehr vermutet man dahinter, dass diese Eisbrocken von Asteroiden oder Kometen stammen, die aus Eis bestehen und aus den Weiten des Alls auf die Erde stürzen.  An der Universität von Colorado hingegen hält man allerdings die Meteoritentheorie für unwahrscheinlich. Obwohl man weiß, dass es Eisbrocken als außerirdisches Material gibt, und somit z.B. ehemals das Wasser der Erde auf diese kam, muss doch bezweifelt werden, dass solche Brocken die enorme Hitze beim Eintritt in die Erdatmosphäre überstehen würden.  Selbst wenn diese Brocken groß genug wären den Absturz zu überstehen, müsste man diese am Himmel wie einen Meteor mit leuchtendem Schweif wahrnehmen und einen Überschallknall hören.  Doch nur selten bei den bekannten Ereignisse konnten diese Erscheinungen beobachtet werden.     

Am 7. März 1976 stürzte ein Eisbrocken gegen 20.45 Uhr in ein Haus in Timberville (Virginia/USA). Drei Männer, die zu diesem Zeitpunkt vor dem Fernseher saßen, sowie zwei Nachbarn, hörten einen ohrenbetäubenden Knall (Überschallknall), der das Haus erschütterte. Der Eisbrocken von der Größe eines Basketballs durchschlug das Dach des Hauses und durchdrang die Decke des Wohnzimmers. Gerade wollten die Hausbesitzer die Situation ihren Nachbarn erläutern, da schlug 20 Sekunden später wieder ein Eisbrocken etwa 50 Meter entfernt auf dem Erdboden auf.  Analysen der sichergestellten Eisbrocken stellten fest, dass dieses Eis aus trübem Wasser bestand. Die offizielle Erklärung lautete, dass es sich in diesem Fall um Trinkwasser aus einem undichten Flugzeugtank gehandelt habe, das am Rumpf des Flugzeuges vereist war und in fünf bis sechs Kilogramm schweren Stücken heruntergestürzt sei. Bei einer späteren Untersuchung der Umstände machte man allerdings andere Feststellungen. Die betreffende Nacht war sternenklar und kein Flugzeug befand sich am Himmel, dies wurde durch die Daten der Flugüberwachung bestätigt. Zudem hätte dieses Flugzeug, von dem die Brocken stammen sollen, mehr als neun Sekunden lang an der gleichen Stelle verbleiben müssen, so dass die Eisbrocken in diesen kurzen Abständen und dieser Entfernung aufprallten. Ein weiterer Punkt spricht ebenfalls gegen die Eistheorie mit dem Flugzeug. Eine Eisschicht von mehreren Zentimetern hätte an einem Flugzeug katastrophale Folgen für die Flugstabilität. Deswegen sind moderne Flugzeuge mit umfangreichen Enteisungsmechanismen ausgestattet.

Fakt ist aber auch, dass einige dieser kleineren Eisbomben von Flugzeugen stammen, die in großer Höhe fliegen.  Man kennt Fälle, bei denen aus undichten Tanks von Flugzeugtoiletten Eisansammlungen entstehen, die dann bei entsprechender Größe und dem starken Luftwiderstand abbrechen und zu Boden fallen.  In diesen charakteristischen Eisbrocken findet man Urin- und Fäkalspuren und das bläuliche Desinfektionsmittel, das für Bordtoiletten charakteristisch ist.  Auch von Ventilöffnungen können sich vereinzelt größere Eisbrocken bilden. 

Nur lassen sich die wenigsten Fälle allerdings mit hochfliegenden Flugzeugen in Verbindung bringen.  In der Geschichte der Berichte von solchen Eisbomben sind einige gewaltige Brocken erwähnt, die mit all diesen Theorien kaum zu erklären sind. Schon aus der Zeit von Karl dem Großen stammt ein Bericht von einem solchen Eisbrocken, der eine Größe von 5 Meter auf 3,5 Meter besessen haben soll.  Aus dem Jahr 1849 wird von einem Aufprall in Schottland im Dorf Ord berichtet, bei dem ein Eisbrocken von 7 Metern Durchmesser aufschlug. Aus Indien kamen Berichte von Eisbrocken, die mehrere hundert Pfund wogen und selbst die Größe eine Elefanten erreichten. In vielen Fällen wurden durch solche Eisbrocken schwere Schäden angerichtet.

Da solche Phänomene jedoch recht selten unter genauer Beobachtung auftreten, ist eine detaillierte Untersuchung und Bewertung dieser Vorgänge sehr schwierig.  Durch rasches Abschmelzen der Beweisstücke gehen wichtige Beweise verloren. Bislang konnten nur sehr wenige Fundstücke untersucht werden. Eventuell wird man in der Zukunft eine bahnbrechende Entdeckung zu diesem Phänomen machen können, doch zum jetzigen Zeitpunkt bleibt eine umfängliche Erklärung des Phänomens offen.  Viele dieser Fälle lassen sich noch nicht erklären, da wir die Ursachen nicht kennen und nur Theorien ohne Nachweis bestehen.

Quelle:
Nadine Schneider: Eisbrocken vom Himmel, Der einsame Schütze (Magazin), November 1999
Francis Hitching, Die letzten Rätsel unserer Welt, Umschau, 1984

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