Die unheimliche Todesbotin Gwrach-y-rhibyn

Todesbotin

Eine Todesbotin ist eine übernatürliche Erscheinung, die den bevorstehenden Tod eines Menschen ankündigt oder begleitet. In vielen Kulturen gibt es Geschichten von solch übernatürlichen Wesen, die oft als eine fremde und unheimliche Gestalt einer Frau beschrieben wird, die den Tod bringt oder prophezeit.

Fast jeder Kulturkreis auf der Welt kennt hier entsprechende Wesen aus Mythologie und Folklore, das Phänomen der unheimlichen Frauen oder Geisterfrauen, deren Erscheinen vom baldigen Tod einer Person kündet.

Im britischen Wales ist eine solche Spukerscheinung unter dem Namen Gwrach-y-rhibyn bekannt, die eine Todesbotin verkörpert. In der wörtlichen Übersetzung aus der walisischen Sprache Cymraeg bedeutet dieser Name so viel wie „Nebelhexe“, jedoch ist die geläufigere Bezeichnung für diese Erscheinung schlicht „Geifernde Hexe“ oder auch „Geiferndes Weib“.


Während einiger meiner Recherchereisen durch Großbritannien verbrachte ich auch einige Zeit in Wales und habe dort mehrere Berichte über das Auftreten der Gwrach-y-rhibyn von Zeugen geschildert bekommen, meist Hinterbliebene von Verstorbenen, die eine Begegnung mit der Gwrach-y-rhibyn hatten. Laut den Beschreibungen handelt es sich bei der Gwrach-y-rhibyn um die Erscheinung einer alten Frau mit verfilzten schwarzen oder dunklen Haaren, einem stechenden und bösartigen Blick, einer Hakennase, sowie langen und hervorstehenden Zähnen. Die Arme der Erscheinung sollen ungewöhnlich lang sein und in Hände mit langen klauenähnlichen Fingern übergehen. Ihre Haltung ist zudem in vielen Berichten etwas gebeugt, da ihr Rücken in einen massiven Buckel ausartet, in anderen Geschichten werden sogar große, fledermausähnliche und ledrige Flügel beschrieben, welche aus diesem Buckel herauszuwachsen scheinen. Beschreibungen, die verschiedenen Vampirmythen nicht unähnlich sind.

Das Erscheinen der Gwrach-y-rhibyn ist ein sicheres Anzeichen für den baldigen Tod einer bestimmten, oft sehr nahestehenden Person, meist in Zusammenhang mit der Geschichte alter Familien verbunden, wo diese vom Tod eines Familienmitglieds kündet. In den meisten Erzählungen ist ihr Auftreten mit Gejammer, bitterem Stöhnen oder auch bösartigen Schreien verbunden. Bei einigen Beschreibungen wurde aber auch ihre kratzige Stimme vernommen, wie sie Worte in walisischer Sprache aussprach. Meist handelt es sich um die Worte fy ngwr, was so viel bedeutet wie „Mein Mann“, oder aber auch fy mlentyn bach, was „Mein kleines Kind“ bedeutet. In diesen Fällen bedeutet dies den Tod eines Mannes, beziehungsweise den Tod eines Kindes.

Die wohl bekannteste Erscheinung einer Gwrach-y-rhibyn ist eng mit der Geschichte der walisischen Familie Stradling verbunden, die über 700 Jahre an der Küste von Glamorgan in Südwales im Saint Donats Castle lebten, dem Stammsitz dieser Familie. Immer dann, wenn ein Familienmitglied verstarb, erschien die Gwrach-y-rhibyn und kündigte den Tod an. In der Mitte des 18. Jahrhunderts musste schließlich die Familie Stradling die Burg aufgeben, was jedoch die Todesbotin nicht daran hinderte, dort wieder zu erscheinen. Eines Nachts wurde ein Gast auf der Burg aus seinem Schlaf geweckt, da unter seinem Fenster eine Frau jammerte und stöhnte. Er schaute hinaus, aber was dort auch lauern mochte, die Dunkelheit hüllte es ein. Dann vernahm er ein Klopfen am Fenster und anschließend das Schlagen riesiger Flügel. Die Geräusche waren so unheimlich, dass der entsetzte Mann erst in sein Bett zurück kroch, nachdem er eine Lampe entzündet hatte, die bis zum Morgen brannte. Bei Tageslicht befragte der Besucher dann seine Gastgeberin, ob ihr Schlaf in der vergangenen Nacht auch durch merkwürdiges Stöhnen und Kratzen gestört worden sei. Sie bejahte dies und erzählte dann, dass die Geräusche von der Gwrach-y-rhibyn verursacht würden. Wie zur Bestätigung ihrer Worte traf bald darauf auf der Burg die Nachricht vom Tode des letzten direkten Nachfahren der Stadlings ein.

Diese Erzählung zeigt eine weitere Erscheinungsform der Gwrach-y-rhibyn auf. Es gibt nicht immer eine visuelle Wahrnehmung der Gwrach-y-rhibyn, in einigen Berichten scheint man diese nur durch die von ihr hervorgerufenen Geräusche wahrzunehmen, was jedoch nicht bedeutet, dass die Gwrach-y-rhibyn unsichtbar war, sondern vielmehr darauf hindeutet, dass die Erscheinung sich in der Dunkelheit außerhalb des Sichtfelds befand.

Wie bereits erwähnt, werden in einigen Erzählungen über die Gwrach-y-rhibyn große Flügel erwähnt, mit denen diese sogar wie eine Fledermaus davonfliegen könne. Ein Punkt, der an Vampirmythen angelehnt zu sein scheint. Fakt ist jedoch, dass die Gwrach-y-rhibyn in Form eines alten Weibes seit Jahrhunderten im walisischen Kreis auftaucht und selbst heute noch vielerorts als Todesbotin unterwegs zu sein scheint.

Auszug aus Todesbotinnen, Michael Schneider, ParaMagazin Nr. 2, 2011

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