Der Schakalritus

Verwandlungsritual
Verwandlungsritual

Der britische Arzt Frederick Kaigh bereiste in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts den afrikanischen Kontinent, um verschiedene ethnologische Studien durchzuführen und aufzuzeichnen. Während seiner Forschungsreisen lernte er viel über die Mythen und Magie verschiedener afrikanischer Stämme.  Aber eines der seltsamsten Ereignisse, bei denen der Arzt Augenzeuge war, war ein lykantropher Verwandlungszauber eines Medizinmanns.

Als sich die dunklen Schatten der Nacht auf den Urwald senkten, bezog Kaigh seinen Beobachtungsposten auf einen Baum. Mit geschwärzter Haut, geschorenen Haar und nur einem Lendenschurz bekleidet, kam er sich reichlich lächerlich vor, immerhin war er ein Mann des 20. Jahrhunderts. Jedoch hatte er das Gefühl, seine Aufmachung hätte einem Forscher des viktorianischen Zeitalters auf romantischer Afrika-Expedition weit besser gestanden. Selbst hier in dem abgelegenen Grenzgebiet zwischen Belgisch Kongo und Nordrhodesien, wo er sich zum Zeitpunkt seiner Schilderung befand. Aber er durfte auf gar keinen Fall erkannt werden. Sollte die Menge, die sich allmählich auf der Lichtung vor ihm versammelte und die er von seinem Baum aus beobachtete, bemerken, dass ein Europäer sich hier aufhielt, würde es wahrscheinlich nicht zu dem Ritual kommen, das jeden Augenblick beginnen konnte.

Als der Nyanga (Bezeichnung für den Medizinmann) auf der Lichtung erschien, schlugen die Trommeln, wie Kaigh später schrieb, „einen Rhythmus, den ich noch nie gehört hatte. Es war ein Rhythmus, der in meinem Inneren widerhallte und bei dem es mir kalt den Rücken herunterlief: Ein Rhythmus, der nach und nach etwas Animalisches anzunehmen schien. Zu dem eindringlichen Klang der Trommeln stimmte der Nyanga einen Gesang an, der von den am Boden sitzenden aufgenommen und lauter und lauter wurde, sicher nicht zuletzt unter dem Einfluss des starken Bieres, das alle tranken. Schließlich ging der Gesang in einen schrillen Schrei über und brach dann unvermittelt ab. Auf der Lichtung herrschte unheimliche Stille. Die ganze Erscheinung des am Boden hockenden Nyanga glich der eines Schakals. Schakalfelle hingen an seinen Hüften, während der Körper entlang der Wirbelsäule und quer über die Rippen mit weißen Streifen bemalt war. Über den Hinterkopf geschoben hatte er den Kopf des hundeähnlichen Tieres“.

Gebannt und atemlos beobachtete Kaigh, wie der Nyanga während des Rituals so etwas wie einen Trank „in einem kleinen Feuer machte, das eigentümlich aufloderte, als er diverse Zutaten in die Flammen warf“ und dann von dem Gebräu trank, das er angerührt hatte. Als aus der Wildnis der schwache Schrei eines Schakals ertönte, stand der Medizinmann auf, sprang in das Feuer und zerstreute die Glut mit den Füßen. Aus seiner Kehle drang plötzlich ein schrilles und durchdringendes Tiergeheul hervor, das aus dem Dschungel mit ähnlichen Rufen beantwortet wurde.

Der Nyanga tanzte und seine Bewegungen wurden immer ekstatischer und kraftvoller, als man ihm dies in seinem fortgeschrittenen Alter zugetraut hätte. Er geriet in Raserei, Schaum stand ihm vor dem Mund. Schließlich fiel er in Trance und sank erschöpft zu Boden.

Der heimliche Beobachter aus England fand das Geschehen nach seinen Aussagen phantastisch, unirdisch, entartet und bestialisch, doch all dies war noch nichts im Vergleich zu dem, was sich kurz darauf ereignen sollte.

Während der Nyanga in Trance lag, sprangen aus der Dunkelheit ein Mann und eine Frau, beide jung und nackt, in den Kreis der betrunkenen Feiernden und nahmen die Rolle von zwei paarenden Schakalen ein. „Im Verlauf des Tanzes wurde ihre Imitation immer tierischer“, schrieb er später. „Und dann, von einem Augenblick zum anderen, sah ich mit ungläubigem Erstaunen, wie sich der Mann und die Frau vor meinen Augen in Schakale verwandelten“.

Als er das Erlebnis später in seinem Buch Witchcraft and Magic of Africa schilderte, überlegte Kaigh, ob er vielleicht einer Massenhypnose erlegen war und stellte die unausweichliche Frage: „Ist das wirklich geschehen?“

Vielleicht hatte der Nyanga einen halluzinogenen Stoff in das Feuer geworfen. Andererseits konnte er sich des Gedankens nicht erwehren, dass sich innerhalb des Kreises etwas Übernatürliches ereignet hatte. Dass der Medizinmann als menschliche Verkörperung des Schakals aus der Tiefe seiner Trance heraus imstande gewesen war, den Geist des Tieres auf die jungen Leute zu übertagen und sie so in Schakale verwandelte. Genau wusste Kaigh lediglich, dass er etwas beobachtet hatte, das so alt war wie die Menschheit selbst. Die scheinbare Fähigkeit eines besonders begabten Menschen sich oder andere in ein Tier verwandeln zu können.

Wie Kaigh selbst beschrieb, könnte es sich um eine Halluzination gehandelt haben, ausgelöst durch diverse Drogen, die der Nyanga in das Feuer warf und die dabei für Kaigh den Eindruck einer Verwandlung vermittelten. Oder handelte es sich tatsächlich um einen übernatürlichen Vorgang, der es Menschen ermöglichte sich in andere Lebewesen, in diesem Fall Schakale, zu verwandeln?

Verwendete Quellen 
Frederick Kaigh, Witchcraft and Magic of Africa, 1947
Magazin Der einsame Schütze, Dezember 2003

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