Wahrsager und Propheten: Mühlhiasl

Mühlhiasl
Mühlhiasl

Sind die Zeiten schlecht oder eine Katastrophe geschieht, suchen viele Menschen Erklärungen in Vorhersagen von Wahrsagern und Propheten, die ein solches Ereignis angekündigt haben sollen. In solchen Krisenzeiten haben diese Hochkonjunktur und werden gerne mit ihren Weissagungen zitiert.

Von den bekanntesten Sehern und Wahrsagern haben wohl die meisten Menschen schon einmal gehört oder gelesen, da diese bei großen Ereignissen immer wieder im Zusammenhang genannt werden:

  • Nostradamus (Michel de Nostredam)
  • Brahan der Seher (Schottland)
  • Baba Wanga (Bulgarien)
  • Kotarraju Narayana Rao (Indien)
  • Alois Irlmaier (Österreich)

In diesem Beitrag möchten wir uns jedoch einem weniger bekannten Wahrsager aus Bayern zuwenden: dem Mühlhiasl

Die wahre Identität des Mühlhiasl ist wegen mangelnder Quellen heute noch unbekannt. Man nimmt aber an, dass es sich um Matthäus, Matthias oder Mathias Lang gehandelt haben soll. Andere Angaben zeigen den Namen Johann Lang. 1753 oder 1755 in Straubing oder Hunderdorf geboren und auch 1809 in einer dieser Ortschaften gestorben. Ich tendiere bei den Namen zu Matthias, Matthäus oder Mathias Lang, denn im bayrischen ist die Abkürzung dieser Namen Hias oder Hiasl, Johannes aber mit Hans, Hansl oder Hanse abgekürzt wird. Umstritten wie der Name ist auch das Geburts- und Sterbedatum, sowie der Geburts- und Sterbeort des Mühlhiasl.  Der Bayrische Prophet oder auch Waldprophet stammt allerdings aus dem niederbayrischen Raum Straubing, bzw. Straubing-Bogen, dies ist soweit sicher. Es ist auch sehr wahrscheinlich, dass er wirklich lebte.

In der Literatur konnte man vom Mühlhiasl zum ersten mal 1923 im Straubinger Tagblatt lesen. Der Pfarrer Johann Evangelist Landstorfer aus Pinkofen hatte eine Liste von Prophezeiungen zusammengestellt, die „einem gewissen Mühlhiasl“ zugesprochen wurden.

Für eine genauere Betrachtung muss hier auf verschiedene Quellen zurückgegriffen werden, welche die Meinung von mehreren Heimatforschern aufgreifen, die sich fast in allen Punkten einig sind. Der Mühlhiasl soll nach deren Ansicht im Weiler Apoig, heute Gemeinde Hunderdorf im Landkreis Straubing-Bogen geboren sein und auch dort als fünftes Kind eines Mühlenpächters gelebt haben. 1778 soll er die Mühle von seinem Vater übernommen haben, die zum Kloster Windberg gehörte. 1788 heiratete er die Bauerstochter Barbara Lorenz und zeugte mit ihr acht Kinder.  Schon 1799 tätigte er seine erste öffentliche Prophezeiung.

„Die Mönche müssen schon bald selbst ihr Kloster verlassen.“

Was war passiert? 1799 geriet Mühlhiasl in Geldnöte und musste ein Darlehen beim Kloster Windberg aufnehmen. Da er dieses 1801 nicht zurückzahlen konnte, verlor er den Pachtvertrag für die Mühle und musste das seit seiner Kindheit bewohnte Anwesen verlassen. Aus Wut  über den Rauswurf tätigte er diese Prophezeiung.

Schon im Jahr 1803 mussten die Mönche das Kloster wirklich verlassen. Im Zuge des Säkularisation des Kirchen- und Klosterwesens in Bayern wurde das Kloster Windberg verstaatlicht, sämtliche Güter, Gelder und Wertgegenstände vom Land Bayern eingezogen.  Mönche, die nicht aus Bayern stammten, wurden sogar des Landes verwiesen.

Ab dem Zeitpunkt, an dem er die Mühle verlassen musste, liegt das weitere Leben des Mühlhiasl im Dunkel.  Man vermutet, dass er sich von seiner Familie trennte und als Tagelöhner und Wanderarbeiter durch den Bayrischen Wald zog. Angeblich soll er sich oft im Zwieseler Winkel im Dorf Rabenstein aufgehalten haben, diese mündliche Quelle gilt aber nicht als zuverlässig. Dass er sich allerdings im Bayrischen Wald aufhielt ist sehr wahrscheinlich, denn zu dieser Zeit war dort viel Arbeit in der Waldwirtschaft und auf kleinen Bauernhöfen vorhanden. War der Mühlhiasl schon immer ein Sonderling, wird sich die Situation dort noch verschärft haben. Die Bewohner in dem damals noch dünn besiedelten Gebiet waren sehr eigenbrötlerisch, starrsinnig und gegen sämtliche Obrigkeiten. Seine Prophezeiungen machte er nur mündlich gegenüber Hirten, Knechten und Bauern. Es gibt keinerlei schriftliche Überlieferungen.  Es wird noch heute davon gesprochen, dass er seine Prophezeiungen immer in einer Art Anfall gemacht hatte, ähnlich einem Schamanen, der in Ekstase ist.

Da er aus seinem Hass auf die Kirche keinen Hehl machte und sich auch im Alter noch gegen alles kirchliche abfällig äußerte, wurde er nicht auf einem Friedhof begraben. Seine letzte Ruhestätte soll er auf dem heutigen Stadtplatz von Zwiesel gefunden haben.

Die Prophezeiungen des Mühlhiasl waren ebenso derb formuliert wie er in seinem Leben war. Oft setzte er noch den Zusatz „Kein Mensch wills glauben“ hinter die Prophezeiungen. Doch was hat er prophezeit und was traf ein, bzw. könnte noch eintreffen?

Hier muss sich der Leser ein eigenes Bild machen. Interpretationen gibt es viele, wie auch bei anderen Sehern. Aber es ist wirklich interessant zu betrachten, was er voraussagte. Einen kleinen Lösungsvorschlag füge ich bei, aber das ist immer eine persönlich Meinung. Jeder wird vielleicht etwas anderes in den Aussagen sehen.

  • „wenn der eiserne Hund durch den Vorderwald bellt (fängt der große Krieg an)“: Ein Hinweis auf den Ersten Weltkrieg?
  • „wenn man Sommer und Winter nicht mehr unterscheiden kann“: Vorhersage des Klimawandels?
  • „wenn es nur noch rote Hausdächer gibt“
  • „wenn man Mandl und Weibl (Männer und Frauen) nimmer auseinanderkennt (äußerlich unterscheiden kann)“ (Frauen tragen keine Röcke mehr, sondern vor allem Hosen und haben Kurzhaarschnitt): Moderne Gesellschaft, Gendern?
  • „wenn die Rabenköpf (Kopfform wie Krähenvögel) aufkommen und dann wieder langsam verschwinden“: Frisurentrend mit glatt nach hinten gegelter Kurzhaarfrisur, an den Seiten und hinten besonders kurz?
  • „wenn einmal Tanzmusik in die Kirchen kommt und der Pfarrer auch noch mitsingt, dann ist es soweit“: Gospel und Rockmusik in katholischen Kirchen während der Messe?
  • „wenn ein großer Fisch über den Wald fliegt“: Zeppeline?
  • „Einerlei Geld kommt auf“: Einführung des Euro?
  • „Der letzte Krieg wird der Bankabräumer sein“: Inflation durch Krieg? Oder Bankabräumer von den Menschen, die dann nicht mehr auf den Bänken sitzen?
  • „Der Wald wird so licht werden, wie des Bettelmanns Rock“: Waldsterben, Borkenkäferplage?

Diese Prophezeiung hat sogar mich überrascht: „Wenns in Straubing über die Donau die große Brücke bauen, so wirds fertig, aber nimmer ganz, dann gehts los“: Die Donaubrücke in Straubing wurde 1939, als der Zweite Weltkrieg begann, fast fertiggestellt. Es fehlte nur noch die Betondecke.

Der Mühlhiasl hat auch Prophezeiungen hinterlassen, die sich auf die Corona-Krise, Naturkatastrophen und politische Spannungen anwenden lassen. Er wies auch auf soziale Missstände hin, Armut und großen Veränderungen auf globaler Ebene. Was davon eintrifft kann niemand wissen, ebenso wenig wie man wissen kann, ob die Voraussagen überhaupt eintreffen.

Autorin: Martina Lohr

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