Die verschwundene Mutter

Es gibt Fälle aus dem Bereich der Forteanik, die inspirieren so manchen Künstler zu eigenen Interpretationen. So auch ein Fall einer verschwundenen Mutter, die während der Weltausstellung in Paris im Jahre 1889 spurlos verschwand.

1889, im Jahr der großen Weltausstellung in Paris (Frankreich), wimmelte es von Geschäftsleuten, Einkäufern und Touristen in der Metropole. Fast alle Hotels waren belegt und Unterkünfte in der Stadt rar. Im Mai des Jahres traf eine englische Dame mit ihrer Tochter in der Stadt ein, über Marseille angereist kommend, wo diese per Schiff aus Indien eingetroffen war.

In einem der berühmtesten Hotels von Paris hatten sie zwei Einzelzimmer bestellt und trugen ihre Namen in die Gästeliste ein, wurden dann in ihre Zimmer hinaufgeführt. Die Mutter bekam Zimmer Nummer 342, ein luxuriöses Appartement mit schweren pflaumenblauen Samtvorhängen, einer Rosenmustertapete, einem hochlehnigen Sofa, einem ovalen Zitronenholztisch und einer vergoldeten Stutzuhr.

Kurz nach der Ankunft erkrankte die Mutter und legte sich ins Bett. Der Hotelarzt untersuchte sie und richtete an die Tochter einige Fragen. Danach berieten er und der Geschäftsführer des Hotels sich aufgeregt in einer Ecke des Zimmers. Auch wenn die Tochter kaum französisch sprach, war sie doch imstande die Anweisungen, die ihr der Arzt langsam auftrug, zu verstehen. Ihre Mutter sei schwer krank und brauche eine besondere Medizin, die nur in der Praxis auf der anderen Seite der Seine vorrätig sei. Da der Arzt die Patientin nicht alleine lassen wollte, bat er die Tochter sich in seiner Kutsche dorthin fahren zu lassen, um die Medizin zu holen. Die Tochter begab sich auf den Weg, doch die Fahrt ging nur langsam voran und es kam ihr vor, als ob der Kutscher extra langsam mehrere Runden fuhr, bevor er sie am Ziel absetzte. Auch in der Praxis musste sie ewig warten.

Nachdem sie das Medikament endlich in den Händen hielt, begann sie die Rückfahrt zum Hotel und auch diese schien sich ewig hinzuziehen. Inzwischen waren knapp vier Stunden vergangen. Sie sprang mit der Medizin aus dem Wagen und eilte zum Empfang im Hotel. „Wie geht es meiner Mutter?“ fragte sie hastig. Der Geschäftsführer starrte sie ausdruckslos an. „Wie meinen sie, Mademoiselle?“ fragte er zurück. Verstört versuchte sie ihm zu erklären, weshalb sie sich verspätet habe. „Aber Mademoiselle, von ihrer Frau Mutter weiß ich nichts. Sie sind doch allein hier angekommen.“ Fassungslos wandte sie ein: „Aber wir haben uns doch hier eingetragen, vor weniger als sechs Stunden. Sehen Sie im Buch nach.“ Der Geschäftsführer holte das Hotelregister hervor und fuhr mit dem Finger die Spalte hinunter. In der Mitte der Seite stand der Namen der jungen Frau, aber unmittelbar darüber, wo ihre Mutter sich eingetragen hatte, stand der Name eines Unbekannten. „Wir haben uns beide hier eingetragen“, beharrte sie. „Und meine Mutter hat das Zimmer Nummer 342 bekommen. Und genau da ist sie jetzt. Bringen sie mich sofort zu ihr.“

Der Geschäftsführer versicherte zwar, dass in diesem Zimmer eine französische Familie wohnte, trotzdem gingen sie hinauf. Zimmer Nummer 342 war bis auf persönliche Dinge der Gäste leer. Es gab keine blauen Vorhänge und keine Tapete mit einem Rosenmuster, auch kein Sofa mit einer hohen Lehne und keine Stutzuhr aus vergoldeter Bronze darin. Die Tochter ging wieder nach unten. Dort befand sich der Hotelarzt, den sie zur Rede stellte und fragte nach dem Schicksal ihrer Mutter. Aber auch er bestritt die junge Frau jemals gesehen zu haben und schwor, er habe ihre Mutter niemals behandelt.

Sie eilte daraufhin zur britischen Botschaft und trug die Angelegenheit dem englischen Gesandten vor, fand aber keinen Glauben bei diesem. Ebenso wenig bei der Polizei und den Zeitungen. Dennoch beharrte sie auf ihrer Geschichte und wurde schließlich, als sie in England ankam, in Gewahrsam genommen und in eine Nervenheilanstalt verbracht.

Die Geschichte wurde erstmals von der Zeitung Detroit Free Press am 14. November 1897 unter dem Titel „A Mystery of the Paris Exposition“ publiziert. Weitere Zeitungen griffen das Thema auf und publizierten am selben Tag ebenfalls eigene Fassungen der Geschichte, darunter The Philadelphia Inquirer, The Boston Daily Globe oder The Los Angeles Sunday Times. In den folgenden Tagen wurde die Story landesweit aufgenommen und interpretiert.

Autoren nahmen den Stoff auf und berichteten darüber, auch Romane, die auf der Geschichte basierten, wurden verfasst. Schließlich inspirierte die Geschichte auch Regisseur Alfred Hitchcock, der darauf beruhend seinen Film „Eine Dame verschwindet“ im Jahr 1938 schuf. Der grundlegende Stoff diente mehrfach als Grundlage für Verfilmungen.

Noch heute wird gerätselt, welche Erklärungen es für die Hintergründe der Geschichte geben könnte. Einige Autoren vermuten als Erklärung für diese geheimnisvolle Affäre, es könne sein, dass die Mutter sich in Indien mit der Pest infiziert hatte, die damals dort ausgebrochen war. Nach dieser Diagnose tat sich der Arzt mit dem Geschäftsführer des Hotels zusammen, um den Zwischenfall, der mit Sicherheit dem Ruf des Hotel geschadet hätte, zu vertuschen. Aber konnte Zimmer 342 innerhalb von vier Stunden völlig umgestaltet worden sein? Oder hat man einfach die Zimmernummern ausgetauscht? Und was war mit der Mutter geschehen?

Andere Autoren sehen darin einen Bericht über eine junge Frau, die aus einer anderen Dimension in unsere gelangt war und hier strandete. Diese begründen die Theorie damit, dass die junge Frau laut Erzählung in einer Nervenheilanstalt endete, da diese mit unserer Welt nicht zurechtkam.

Man versuchte den Fall zu rekonstruieren, konnte aber keinen stichhaltigen Beweis dafür finden, dass dieses Ereignis tatsächlich stattfand, obwohl es einige Hinweise darauf gibt, dass bestimmte Hintergründe der Geschichte real sein könnten, die zur Zeit der Weltausstellung stattgefunden haben soll. Bei Recherchen im Jahr 1929 konnten sich die beteiligten Journalisten nicht mehr an die genauen Details erinnern, die als Grundlage der Presseberichte dienten. Möglicherweise handelt es sich um eine frei erfundene Geschichte, die mit Elementen des Horrors spielt, basierend auf einer urbanen Legende.

Literaturverweis: Mysteriöses Verschwinden aus der Bibliothek erstaunlicher Fakten und Phänomene, Time-Life Books, 1990, ISBN 90-6182-259-9, S. 13-14

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