Eine Zeitreisende bei Charlie Chaplin?

Der irische Filmemacher George Clarke staunte nicht schlecht, als ihm im Zusatzmaterial einer DVD des Films The Circus, einem Film mit Charlie Chaplin aus dem Jahr 1928, eine Frau auffiel, die während der Filmpremiere zufällig aufgenommen wurde. Diese scheint offensichtlich in ein technisches Gerät zu sprechen. Ein Handy oder Smartphone im Jahr 1928?

Dies wäre mindestens 45 Jahre zu früh, denn das erste Handy wurde erst 1973 von Motorola entwickelt und es dauerte Jahre, die Geräte massentauglich zu machen. George Clark folgerte, es müsse sich dabei um eine Zeitreisende handeln.

Ein Handy bei Charlie Chaplin Filmpremiere?
Trägt diese Person ein Handy oder Smartphone im Jahr 1928?

Die besagte Aufnahme des Films entstand am 27. Januar 1928 zur ersten öffentlichen Aufführung des Films bei Grauman’s Chinese Theatre in Hollywood, im Rahmen einer spektakulären Zirkusvorstellung zur Filmpräsentation.

Ein Sprichwort sagt: „Bilder sagen mehr als Worte“. Doch kann uns ein Bild die reine und unumstößliche Wahrheit erzählen? Kann ein stummes Bild nicht auch die Sinne verwirren und wir interpretieren oft zu viel in das Gesehene hinein?

In diesem Beitrag möchte ich mich mit dieser Aufnahme befassen.

Die Aufnahme wurde scheinbar in der kälteren Jahreszeit aufgenommen. Wir sehen eine Frau in warmer Kleidung mit Hut. Ihr Mund scheint offen zu stehen als würde sie mit jemanden reden, der Eindruck wird dadurch verstärkt, dass sie etwas an ihr Ohr hält, was bei heutiger Betrachtung an ein Handy oder Smartphone erinnert.

Wenn wir uns durch diverse Webseiten arbeiten, die sich mit dieser Aufnahme beschäftigen, steht meistens angemerkt, die Frau würde in den Gegenstand reden und dabei lachen. Doch jetzt im Ernst, ich höre weder dass sie spricht, noch dass sie lacht. Selbst das Originalvideo ist ohne Ton, man sieht zwar dass sie ihren Mund bewegt, aber das ist schon alles.

Bei diesem Bildausschnitt müssen wir auch Charlie Chaplins feinen Humor im Hinterkopf behalten. Menschen sprechen mit Sockenpuppen oder mit ihrer Hand. Hat Chaplin hier vielleicht solche Menschen beabsichtig unter die Gäste geschmuggelt?

Von Anfang an hatte ich allerdings bedenken dass die Frau ein Handy in der Hand halten könnte. Darum habe ich mir die Aufnahme jetzt nach Jahren noch einmal angesehen und dabei den Gedanken, sie könnte ein Handy halten, ignoriert. Was sehen wir auf der Aufnahme? Wir sehen, dass die Frau einen dunklen, langen Überwurf mit Pelzkragen trägt. Ihre ganze Kleidung spricht eher für die Winterzeit. Vor ihr geht aber ein Mann ohne Mantel in einem normalen Anzug. Etwas Links steht ein Mann im Hintergrund, der entweder nur ein Hemd oder eine kurze weiße Jacke trägt. Alleine hier sehen wir, dass etwas an der ganzen Szenerie nicht stimmig ist und das mich wieder zu Chaplins englischem Humor führt. Aber ignorieren wir auch diesen Widerspruch. Es könnte sein, dass die Frau sich kränklich fühlte, sich warm eingepackt hat und dann zur Filmpremiere kam.

Die Frau trägt warme Kleidung, die Männer um sie herum nur Anzüge und ein Mann trägt einen leichten Staubmantel, was dem Klima von Los Angeles im Januar entspricht. Ich gehe jetzt spontan von einer Erkältung aus. Eine Sommergrippe oder eine Sommerotitis (Mittelohrentzündung). Eine sehr schmerzhafte Erkrankung, für die man heute Antibiotika und Schmerzmittel einsetzen würde. Der Film ist aber aus dem Jahr 1928, Antibiotika gibt es erst seit 1941. Auch die Schmerzmittel damals würden in Deutschland heute unter das Betäubungsmittelgesetz fallen. Opium, Kokain und Morphium waren damals gängige Mittel, um den Schmerz zu betäuben. Der Umgang mit diesen Medikamenten war damals in den USA sehr lasch geregelt. Ich nehme hier einmal das Morphium heraus, das gerne verschrieben wurde. Bei empfindlichen Personen kann schon eine kleine Menge Verwirrtheitszustände auslösen. Wäre die Frau an einer Otitis erkrankt, hätte ihr der Arzt mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit mindestens Morphium verschrieben. Wer schon einmal selbst an dieser Krankheit litt, weiß wie schlimm diese Schmerzen sind.

Ganz sicher weiß jeder wie es sich anfühlt, Wasser oder ein verirrtes Insekt im Ohr zu haben. Oder die schmerzenden Ohren, wenn man mit einem Flugzeug abhebt sind auch den meisten bekannt. Es genügt schon mit dem Auto in eine höher gelegene Region zu fahren und Druck und Schmerz in den Ohren nehmen zu. Und genau das bringt mich zu meiner nächsten Feststellung. Es ist schade, dass wir uns in solchen Situationen nicht selbst sehen können. Wir versuchen krampfhaft zu schlucken und zu gähnen. Wir kauen Kaugummis, die es übrigens schon seit der Steinzeit gibt. Wir ziehen Grimassen, um den Druck und die Schmerzen zu lindern. Grimassen und Kaugummi sind hier das Stichwort.

Viele werden sich jetzt fragen, was hat dies alles mit dem Handy zu tun?

Ganz einfach, ich gehe weiter von einer Erkrankung der Ohren aus. Auch heute noch bekämpfen wir Schmerzen mit Wärme.

Als ich noch Jünger war, hatten wir beim Minigolfspielen im Herbst immer kleine Taschenöfen in den Jacken, damit die Bälle warm blieben und gut von der Bande abgingen. Diese Taschenöfen  gibt es seit dem ersten Weltkrieg. Sie sehen ein bisschen aus wie ein Brillenetui, sind aber flacher. Betrieben werden sie  mit gepressten Stäben aus Kohle oder Holzkohle, die auswechselbar und in Glasfaser eingebettet sind. Der Vorteil dieser kleinen Öfen ist dass man sich auch wunderbar die klammen Finger, die kalte Nase oder Wangen aufwärmen kann. Außen sind sie mit verfilzter Wolle oder einem samtartigen Stoff bezogen. Gehen wir jetzt von entzündeten Ohren bei der Frau aus, könnte es sein, dass sie sich so einen Taschenofen an das Ohr hielt, um ihre Schmerzen zu lindern. 100 Jahre später sieht es dann aus, als hätte sie ein Handy in der Hand.

Würde man heute eine Aufnahme mit schlechter Auflösung nachstellen, würde wohl jeder sagen, man hat ein Handy in der Hand. Es ist aber nur ein Taschenofen. Vielleicht liegt hier die Erklärung für die Zeitreisende? Niemand von uns war dabei und hat sie lachen und reden gehört. Niemand von uns war dabei, als der Film vorgestellt wurde. Und vor allem, fast niemand kennt heute noch Taschenöfen in Zeiten von Knickwärmekissen.

Taschenofen
Taschenofen
Foto: Matthias Kabel (CC-Lizenz)

Letztendlich sind dies alles nur Vermutungen, da wir bislang nicht selbst in der Zeit zurückreisen können, um dies zu verifizieren.

Autorin: Martina Lohr

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